Perspektivwechsel - der Blickwinkel macht den Unterschied

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Ein Perspektivwechsel kann in vielen Bereichen hilfreich sein. Doch ist es nicht immer einfach, den Blickwinkel zu verändern. Lesen Sie hier, welchen Nutzen ein Perspektivwechsel bringt, wie dieser im persönlichen und beruflichen Alltag eingesetzt werden kann und welche Methoden dabei zum Einsatz kommen.

Definition

Der Begriff Perspektivwechsel beschreibt die Fähigkeiten, die eigenen Ansichten zu verlassen und die Welt aus einer anderen Sicht heraus zu betrachten. Perspektivwechsel ist also die Kunst, sich in das Denken und Fühlen anderer Menschen hineinzuversetzen.

“Gehe hundert Schritte in den Schuhen eines anderen, wenn du ihn verstehen willst.”( indianische Weisheit)

Ob das Führen von Verhandlungen, Herausforderungen zu meistern oder Konflikte zu bewältigen - das alles ist in der aktuellen Welt gefragter denn je. Eine Schlüsselposition dazu bietet in jedem Fall der Perspektivwechsel. Er ermöglicht Privatpersonen aber auch Personen in der Arbeitswelt ein besseres Verhältnis zum Gegenüber, sei es das Verhältnis zum Mitarbeiterteam, zu Kunden und Vorgesetzten oder im privaten Umfeld. Nur wer wirklich in der Lage ist, seine eigenen Ansichten zu hinterfragen und so auch Verständnis für unterschiedliche Sichtweisen zu entwickeln, kann erfolgreich mit Anderen in Beziehung treten. Perspektivwechsel bietet jedoch noch mehr Vorteile. Es ist die Voraussetzung, Probleme, schwierige Situationen und Aufgaben  zu lösen. Perspektivwechsel macht Raum frei für neue Ideen, fördert so die Kreativität und bereitet den Weg für innovative Denkprozesse.

Der Nutzen einer neuen Perspektive

Perspektivwechsel, also der Wechsel des eigenen Blickwinkels, bringt viele Vorteile mit sich und kann außerdem zu mehr Erfolg führen. Die Umsetzung allerdings ist oft alles andere als einfach. Die eigene Wahrnehmung ist beileibe nicht objektiv und Menschen sehen oft nur das, was sie aus ihrer persönlichen Position aus sehen wollen.  

In diesem Zusammenhang ist die selektive Wahrnehmung zu sehen. Zu erkennen, dass es in vielen Fällen nicht die einzige Wahrheit gibt, die bereits der erste Schritt für einen erfolgreichen Perspektivwechsel:

  • Das Glas ist halb voll, so sieht es der Optimist
  • Das Glas ist halb leer, so sieht es der Pessimist
  • Das Glas ist zur Hälfte mit Wasser und zur Hälfte mit Luft gefüllt, so sieht es der Realist
Selektive Wahrnehmung anhand des Glasbeispiels

Es lohnt sich jedoch in den meisten Fällen, an einem Perspektivwechsel zu arbeiten und zu lernen, Dinge nicht immer nur aus der eigenen Sicht zu betrachten, sondern objektiver zu denken und zu entscheiden.

Häufig stellt sich jedoch die Frage nach dem Sinn hinter einem Perspektivwechsel. Warum sollte überhaupt versucht werden, Dinge durch die Augen von anderen zu sehen? Eigentlich will jeder selbst eine Meinung haben, sich sein eigenes Bild von einer Situation machen und sich auf das verlassen, was er selbst fühlt und denkt. Das ist einerseits erst einmal positiv zu sehen und auch nachvollziehbar, andererseits aber auch die Ursache für mancherlei Probleme.

Eine subjektive Wahrnehmung ist nicht immer richtig, auch wenn sie sich so anfühlen mag. Manchmal sind Ansichten einfach so festgefahren,  dass diese gar nicht mehr in Frage gestellt werden. Erst dann, wenn es gelingt, von einem anderen Blickwinkel aus und neutral darauf zu schauen, kann erkannt werden, dass man eventuell bisher falsch gelegen hat.

Ein weiterer guter Grund für einen Perspektivwechsel kann jedoch auch das genaue Gegenteil sein. Es muss nicht zwangsläufig so sein, dass ein neuer Blickwinkel dazu führt, Ansichten zu korrigieren oder Meinungen zu ändern. So kann sich durchaus ergeben, dass sogar weitere Argumente für den bisherigen Standpunkt gefunden werden, um diesen zu bestärken.

Perspektivwechsel bietet als großen Vorteil weiterhin die Möglichkeit zur Lösung von Problemen. Unter Umständen ist man bei  einer großen Herausforderung, für die einfach keine Lösung gefunden werden kann, manchmal nur zu nah dran am Problem. Man sieht sprichwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht. Mit einem Blick von außen und größerer Entfernung ergibt sich dann die Erkenntnis, dass es gar kein wirkliches Hindernis zu geben scheint. Die neue Perspektive zeigt, worauf man so bisher noch nicht gekommen ist und eine Lösung kann sich finden lassen.

Perspektivwechsel im Berufsalltag

Die aktuelle Arbeitswelt steht vor diversen Herausforderungen. Der Wunsch nach neuer Flexibilität in Bezug auf Arbeitsverhältnisse prägt diese Veränderung mit. Um sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen und auch für neue kreative Ideen wird hier an vielen Stellen ein Perspektivwechsel benötigt. Wie das aussehen kann hier einige Anregungen:

Perspektivwechsel im persönlichen Bereich

Die Perspektive zu wechseln kann, speziell auf sich selbst bezogen, eine wirkungsvolle Methode sein, um neue Erkenntnisse zu erlangen, für eine veränderte Selbstwahrnehmung und das eigene Wohlbefinden. Unser Gehirn hat sich darauf spezialisiert, die Herausforderungen und Hindernisse in unserer Umwelt, die andauernd auf uns einstürmen, zu reduzieren. Dazu nutzt es die altbekannten Wege, die sich im Laufe unseres Lebens gebildet haben. Sie sparen Energie, sind effizient und funktionieren in der Regel ohne große Überraschungen, führen jedoch zu einer sehr partiellen Wahrnehmung und zu wenig Kreativität.

Im Zusammenspiel miteinander, vor allem in Teams oder zwischen Mitarbeitern und Führungskräften, ist es oft ein großer Gewinn, wenn jeder Beteiligte immer wieder einmal den Blickwinkel wechselt. Es schafft Verbundenheit im Team, wenn man sich fragt, wie etwas aus Sicht der Kollegen wahrgenommen wird. So können sich Konflikte auflösen und das Miteinander im Team wird gestärkt. Perspektivwechsel schaffen Raum für Austausch, fördern Empathie und liefern Denkanstöße und das Potential, neue Lösungen zu finden.

Perspektivwechsel im unternehmerischen Bereich

Auf Unternehmensebene ist es von Vorteil, auch über den eigenen Tellerrand zu schauen, um zukunftssichere und strategische Entscheidungen zu treffen. Dynamische Marktveränderungen und Krisen erfordern heute eine große Innovationsbereitschaft von Unternehmen. Durch Perspektivwechsel kann diesem Druck auf einer kreativen Ebene begegnet werden. Beispiele hierfür sind:

  • Design Thinking: Hier geht es darum, sich mit der Zielgruppe und ihren Bedürfnissen und deren Anwendungsszenarien auseinanderzusetzen. Denken wie ein Designer.
  • Reverse Brainstorming: Bei der Kopfstandtechnik wird ein Problem bewusst verfremdet, also von hinten her gedacht. So finden sich die Ursachen für die Verfremdung und das Problem, die im Anschluss helfen, das ursprüngliche Problem zu lösen.
  • User Storys: Hier wird eine Eigenschaft eines Systems aus der Sicht eines bestimmten Anwenders beschrieben. Es geht darum, wer was mit welcher Zielvorstellung von einem System erreichen will.
  • Candidate Journey: Ziel hierbei ist es, sich in die Situation von Bewerbern zu versetzen vom ersten Kontakt mit dem Unternehmen bis zum Abschluss des Bewerbungsverfahrens.
  •  Business Analyse: Perspektiven werden definiert, um Anforderungen zu stellen, Informationen zu ermitteln und Veränderungen in Unternehmen zu etablieren.
  • 360-Grad-Feedback: Hierbei wird eine Person von Mitarbeitern, Kollegen, Kunden, Partnern und Vorgesetzten beurteilt. Dadurch entsteht ein vollständigeres Bild des Einzelnen durch verschiedene Blickwinkel.

Methoden zum Perspektivwechsel

Kopfstandmethode

Bei der Kopfstandmethode wird ein Problem oder eine Herausforderung aus der entgegengesetzten Richtung betrachtet. Statt die Frage zu stellen: “Was muss getan werden, um die Zufriedenheit der Kunden zu steigern?”, heißt hier die Frage: “Was muss getan werden, um die Zufriedenheit der Kunden zu verringern?” Die Antwort auf diese Frage zeigt auf, was nötig ist, um das Gegenteil von der eigentlichen Fragestellung zu erreichen. Daraus leitet sich ab, wie man zum eigentlichen Ziel kommt. Studien haben gezeigt, dass es oft leichter fällt, Antworten auf entgegengesetzte Fragen zu finden.

6-Hüte-Modell nach de Bono

Diese Methode von Edward de Bono (maltesischer Mediziner, Kognitionswissenschaftler und Schriftsteller - gilt als einer der führenden Lehrer für kreatives Denken) eignet sich dazu, komplexe Fragestellungen anzugehen. Sie ermöglicht es, Bestehendes aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und kann sowohl alleine als auch im Team genutzt werden. Dabei ist es in der Gruppe wichtig, dass alle den gleichen Denkhut zur selben Zeit benutzen. So wird sichergestellt, dass alle Mitglieder der Gruppe im gleichen Denkmodus sind.

6-Hüte-Modell nach de Bono

Perspektivwechsel bei Konflikten

In Konfliktsituationen ist es hilfreich, sich in die andere Konfliktpartei hineinzuversetzen. Hier stehen zwei Methoden zur Verfügung, um aus verfahrenen Situationen herauszufinden: zirkuläre Fragen und hypothetische Fragen.

Die zirkuläre Frage bringt die Möglichkeit mit den Augen einer anderen Person auf die aktuelle Situation zu blicken.

Beispielfragen können sein:

  • Wie würden die Mitarbeiter auf diese Veränderung reagieren?
  • Wie würde der Vorgesetzte die Situation einschätzen?
  • Was würde der Kunde zu diesem Vorschlag sagen?

Mit hypothetischen Fragen wird die Kreativität auf der Suche nach Lösungen angeregt und aus den Antworten werden die nächsten Schritte im Lösungsprozess abgeleitet.                                

Beispielfragen hierzu:

  • Was wäre, wenn es keinen Ärger mehr mit den Mitarbeitern gäbe?
  • Was wäre, wenn die Entscheidung allein getroffen werden könnte?
  • Was wäre, wenn Geld keine Rolle spielen würde?

Perspektivwechsel in Verhandlungen

Wenn Verhandlungen festgefahren sind, kann das sehr nervenaufreibend sein. Standpunkte und Argumente sind ausgetauscht, aber es geht weder vor noch zurück. Perspektivwechsel kann hier neue Impulse geben.

  • Auf den imaginären Balkon treten und von dort aus das Geschehen betrachten. Aus dieser Entfernung fällt es leichter, das große Ganze zu sehen und neue Perspektiven zu erhalten. Neue Handlungsoptionen und Lösungen, um das Ziel zu erreichen, lassen sich leichter finden.
  • Reverse Engineering. Hier wird die Verhandlung nicht vom Anfang her gedacht, sondern vom Ende her. Man stellt sich vor, die Ziele erreicht zu haben und geht von diesem Punkt aus immer einen Schritt rückwärts.
    • Wer hat am Ende dem Vorschlag zugestimmt?
    • Was braucht die Person, um zuzustimmen?
    • Welche Vereinbarungen zwischen welchen Personen muss es geben?

So geht man zum vorletzten Schritt und stellt die gleichen Fragen, solange bis man im Hier und Jetzt angekommen ist.

Über den Autor - Sebastian Wächter

Sebastian Wächter hat als 18-Jähriger die radikalste Veränderung seines Lebens erfahren. Er stürzt beim Wandern und bricht sich das Genick. Seitdem sitzt er im Rollstuhl - er ist querschnittsgelähmt und kann weder seine Beine noch seine Finger bewegen. Auch ein Großteil seiner Armmuskulatur ist gelähmt. Dennoch gelingt es ihm, sich ein eigenständiges Leben und seine Selbstständigkeit zurückzuerobern. Er hat über Jahre ein Mindset entwickelt, durch das er es geschafft hat, große Herausforderungen zu meistern und ein erfolgreiches Leben zu führen. Die Grundlage hierfür war allerdings ein langer Weg zur Akzeptanz seines Schicksals, erst hierdurch startete seine erfolgreiche Veränderung. Heute ist Sebastian Keynote Speaker und gibt Unternehmen Impulse, wie aus Veränderung auch Fortschritt werden kann. Er wurde inzwischen mehrfach ausgezeichnet und gehört zu den "Top-100-Speakern" von Speakers Excellence. Ebenso unterstützt er als Coach Privatpersonen im Umgang mit Veränderung. Sein neues Buch trägt den Titel „Change Mindset“.

Fazit

Letztendlich stellt sich heraus, dass durch verschiedenartige Fragestellungen an uns selbst oder im Team neue Perspektiven erlangt werden. Durch Perspektivwechsel, Selbstreflexion und gegenseitiges Verständnis lässt sich eine wichtige Grundlage für Erfolg legen, im privaten Bereich, im Unternehmen und auch für den Umgang mit Kunden eines Unternehmens.

Der Blickwinkel auf uns und unsere Umwelt ist durch unsere Erfahrungen, Erfolge und Misserfolge geprägt. Diese Einsicht ist insbesondere für Führungskräfte im Arbeitsalltag hilfreich und kann im Rahmen eines Führungskräfte-Coaching vertieft werden. Es lohnt sich immer, andere Blickwinkel in Betracht zu ziehen. Davon profitieren alle, sei es im privaten Bereich oder im beruflichen Alltag.

“Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling” (Laotse)

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